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Lesezeichen [ Kontakt Info QR-Code Lageplan ]So 25 Juni 2017 07:25:54


 Café BilderBuch.Berlin.Pressespiegel.
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WAHLBEKANNTSCHAFTEN
Erol

Jutta Voigt trifft Menschen im Café


Wir sitzen in den Sesseln der Geschichte und fühlen uns geborgen. In unerklärlicher Überlegenheit. Traum oder Albtraum, vorbei, vorbei. Die Möbel riechen nach Silberhochzeit im Wohnzimmer und Cognac im Herrenzimmer, nach Lilli Marleen und Tangogeiger. Das Café Bilderbuch in der Akazienstraße ist kein Café, es ist eine Inszenierung. Der Esszimmertisch steht für acht Personen bereit, am Rauchtisch sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen eine blonde Frau und wartet. Auf dem Mahagonibuffet liegen Dinge, die keiner mehr braucht. Ein Hinterhofsalon mit Piano und Bücherregal, die Wirtin hat einen Psychothriller geschrieben, der hier spielt: Gotteskinder. Das ungarische Paar neben dem Klavier verweilt Stunden bei einer einzigen Tasse Kaffee, zwei dunkelhäutige Frauen spielen Mensch ärgere Dich nicht, unzufrieden starrt ein Basecap-Künstler auf seinen Laptop. Über allem der heimelige Schimmer von Stehlampen mit Fransen.

Ein kahl geschorener Mann betritt den Raum und sammelt mit geübter Gier die Zeitungen von den Tischen, auch meine. Schnellen Schrittes durchmisst er das Café, wirft sich entschlossen auf eines der Sofas und verschwindet hinter dem Zeitungspacken. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft, seine Augen sind groß und schwarz. Ich gehe jeden Tag ins Café und lese die Tageszeitungen, sagt Erol Yavuz, der vor 33 Jahren als Kind türkischer Eltern in Berlin geboren wurde. Die Menschen in dieser Stadt können sich nicht länger als drei Tage wohl fühlen, die Menschen in dieser Stadt sind depressiv – Herr Yavuz verkündet es wie eine unumstößliche Tatsache, er sagt immer »diese Stadt«, wenn er Berlin meint: Die Menschen in dieser Stadt warten, dass einer kommt und sie erlöst. Gut gelaunt sind sie bis maximal 25, dann kriegen sie Angst. Um ihre Existenz, um ihre Beziehung, sie hören auf zu lachen.

Erol Yavuz schreibt Kurzgeschichten, veröffentlicht hat er noch keine. Sein Geld verdient er als Organisator von Kulturveranstaltungen und Partys: Ich bin ein stadtbekannter Typ. Überraschend bricht dünnes Sonnenlicht durch die Hoffenster, es vermischt sich mit dem der Fransenlampen zu einem unwirklichen Schein. Yavuz’ Philosophenaugen bleiben von dem plötzlichen Helligkeitseinbruch unberührt, tief und schwarz blicken sie auf die Welt, mit dem Hochmut der schlechten Erfahrung und der Großspurigkeit der Melancholie. Herr Yavuz war verheiratet: Meine Frau hat mich belogen und betrogen, eine türkische Frau, jawohl. Ich erwähne den Film Gegen die Wand. Kommerzielles Kokettieren mit dem Türkischsein, meint Yavuz, falsches Spiel mit vermeintlichen Tabus: In dieser Stadt gibt es kaum noch eine Türkin, die Jungfrau ist, die mit den Kopftüchern vögeln am schönsten. Die muslimische Gesellschaft ist verlogen, fügt er hinzu, es gibt keinen reichen Muslim, der sich an die Religion hält, nur die Armen. Die Tür zum Hof öffnet sich, jemand schiebt eine Karre mit Saftflaschen über die dünnen alten Teppiche. Was ist heute, in diesem Moment wichtig für Sie, Herr Yavuz?

Ich war vorhin auf dem Markt am Klausener Platz, mein früherer Kiez; da kauften die Frauen meiner Kindheit ein, jetzt ihre Töchter. Alles wie vor zwanzig Jahren. Die gleichen Gesten, die gleiche Gangart, die gleichen Einkäufe. Übergewicht und Unglück. Sie essen, sie trinken, sie schlafen vor dem Fernseher ein. Sie verlassen ihre Straße nicht. Schade um das schöne Leben. Kommt mein Name in die Zeitung?, fragt mich der Melancholiker am Ende. Ja, sage ich. Ist doch was, sagt er.

Quelle: DIE ZEIT LEBEN. Lebenshilfe. Nr. 18 vom 22. April 2004, S. 62.

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Der Inhalt dieser Seite wurde am 22.05.2016 um 15.58 Uhr aktualisiert.
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